Es ist Donnerstagabend, 19 Uhr, in Barra da Tijuca. Selina geht mit der jüngeren Tochter zum Eiscafé um die Ecke. Sie zahlt mit Karte, hält das Lesegerät selbst in der Hand, prüft den Betrag, tippt die PIN. Die Tochter wartet ruhig daneben, für sie ist das längst Routine. Eine unscheinbare Szene – und genau in dieser Szene stecken drei Entscheidungen, die in Brasilien den Unterschied machen: wo sie wohnt, wann sie sich draussen bewegt, und wie sie zahlt.
„Ist Brasilien sicher? Kann man dort als Familie leben?“ Diese zwei Fragen hören wir in jedem Erstgespräch als Erstes. Verständlich – zwischen Schlagzeilen über Favela-Schiessereien und Postkarten vom Zuckerhut fällt es schwer, ein realistisches Bild zu bekommen.
Wir schreiben diesen Artikel nicht aus einem Büro in Europa. Wir schreiben ihn aus Rio de Janeiro. Selina und Nicola sind 2024 mit ihren beiden Töchtern (10 und 2) aus der Schweiz hierhergezogen. Sie leben den Alltag, über den Sie gerade nachdenken. Was Sie hier lesen, ist ungeschönt und ohne Verkaufsrhetorik – so, wie wir es engen Freunden erzählen würden.
Die ehrliche Antwort: Brasilien ist nicht ein Land, sondern viele
Ja – die offiziellen Kriminalstatistiken liegen in Rio höher als in Frankfurt oder Zürich. Das stimmt, das beschönigen wir nicht. Aber wer das als pauschale Aussage über Brasilien stehen lässt, hat den Punkt nicht verstanden.
Der entscheidende Punkt ist die Verteilung. Schauen Sie sich die Mordrate pro 100.000 Einwohner an, einmal aufgeschlüsselt nach Region statt nach Land:
Mordrate pro 100.000 Einwohner, Daten 2024. Quellen: Instituto de Segurança Pública (ISP-RJ), BKA Polizeiliche Kriminalstatistik 2024, Bundesamt für Statistik (BFS) Schweiz. Stand: April 2026.
Der Sprung zwischen Barra da Tijuca und dem Bundesstaat Rio ist deutlich höher als jeder Unterschied innerhalb Europas. In den Stadtteilen, in die unsere DACH-Kunden ziehen, leben Sie mit einer Statistik, die zwischen einer mittelgrossen deutschen Stadt und einer US-Grossstadt liegt – nicht im Bürgerkrieg.
„Brasilien ist riesig. Die Sicherheitslage in Rio ist nicht die Sicherheitslage in Florianópolis. Und die Sicherheitslage in Barra ist nicht die in der Baixada – obwohl die beiden Orte nur 30 bis 60 Autominuten auseinanderliegen.“
Wer in einer gesicherten Wohnanlage in Barra wohnt, abends mit Uber unterwegs ist und ein paar Grundregeln befolgt, lebt einen Alltag, der sich vom Schweizer Vorort nicht dramatisch unterscheidet. Wer ohne Vorbereitung nach Centro zieht und nachts zu Fuss geht, lebt ein anderes Brasilien. Beide Versionen existieren parallel.
Die 4 Risiken, die Auswanderer wirklich treffen
Bewaffnete Überfälle, Schiessereien, Entführungen aus politischen Motiven – das sind die Bilder, die in Europa hängenbleiben. Die Realität für unsere Kunden sieht anders aus. Was passiert, sind diese vier Dinge:
1. Handyraub auf der Strasse
Das mit Abstand häufigste Delikt. Täter auf Motorrad oder zu Fuss reissen das Handy aus der Hand – an der Ampel, vor dem Café, beim Telefonieren auf der Strasse. Die Smartphones werden direkt weiterverkauft.
Vorbeugung: Auf der Strasse das Handy nicht in der Hand tragen. Wer eine Nachricht schreiben oder Karten benutzen muss, geht in ein Café, einen Laden oder eine Apotheke. Wir tragen unsere Handys in der Innentasche, nicht in der Gesässtasche.
2. Erpresste Abhebung am Geldautomaten (sequestro relâmpago)
Der lokale Begriff lautet sequestro relâmpago – „Blitz-Entführung“. Das Opfer wird kurzzeitig festgehalten und gezwungen, an mehreren Geldautomaten Bargeld abzuheben oder per PIX zu überweisen, bis das Tageslimit erreicht ist. Betroffen sind häufig Personen, die abends allein an einem Geldautomaten stehen, oder Opfer von gefälschten Mitfahrgelegenheiten, die sich als Uber ausgeben.
Vorbeugung: Bargeld nur in Bankfilialen, in Einkaufszentren oder am Flughafen abheben – nie an einsamen Strassenautomaten und nie nachts. Uber oder 99 ausschliesslich über die App buchen. Niemals in einen Wagen einsteigen, der spontan auf der Strasse anbietet, Sie zu fahren. Vor dem Einsteigen das Kennzeichen mit der App-Anzeige abgleichen.
Wichtig zu wissen: Genau wegen dieses Phänomens hat die brasilianische Zentralbank 2021 ein Nacht-Limit von R$ 1.000 für PIX-Überweisungen zwischen 20 und 6 Uhr eingeführt (Resolução BCB Nº 142/2021). Ein Sicherheitsnetz, das die meisten Auswanderer gar nicht kennen.
3. Verfolgung nach dem Bankgang (saidinha de banco)
Späher beobachten Bankfilialen und folgen Kunden, die grössere Beträge abheben, mit Motorradkomplizen bis zum Auto oder zur Wohnung. Klassiker – und einer der Gründe, warum man in Brasilien Bargeld vermeidet, wo es geht.
Vorbeugung: Möglichst keine grösseren Beträge in einer einzigen Filiale abheben. Innerhalb Brasiliens fast alles per PIX – kostenlos, sofort, 24 Stunden am Tag. Falls doch Bargeld nötig ist: nicht zu Fuss zum Auto, nicht direkt nach Hause, einen Stopp in einem belebten Einkaufszentrum machen.
4. Kartenleser-Betrug an der Kasse
Die häufigste Methode: Der Verkäufer dreht das Lesegerät weg oder behält es bei sich, das Komma wird verschoben (aus R$ 25,00 werden R$ 2.500,00), oder es wird ein zweites Gerät untergeschoben. Auch in seriösen Lokalen passiert das durch einzelne Mitarbeiter, vor allem in Touristenzonen.
Vorbeugung: Bei jeder Kartenzahlung darauf bestehen, das Lesegerät selbst in der Hand zu haben. Vor der PIN-Eingabe den Betrag prüfen. In Brasilien wird mit Komma getrennt – ein verschobenes Komma macht aus 25 Reais 2.500. Wenn das Gerät nicht hergegeben wird, freundlich abbrechen und in bar zahlen.
Die Regeln, die unsere Kunden in den ersten zwei Wochen lernen
Sicherheit in Rio ist zum grossen Teil eine Frage der Routine. Was wir jedem Neuankömmling zuerst beibringen:
- Bei jeder Kartenzahlung das Lesegerät selbst in der Hand haben und den Betrag vor der PIN-Eingabe kontrollieren.
- Zwei Handys – das echte zu Hause oder im Safe, ein günstiges Zweit-Smartphone für die Strasse. Im Ernstfall geben Sie das günstige ab, das echte bleibt sicher.
- Immer 100–200 Reais Bargeld dabeihaben. Nicht zur eigenen Versorgung – sondern als Übergabesumme im Fall eines Überfalls. Wer „nichts dabei hat“, wird länger festgehalten und zu mehreren Stationen gezwungen.
- Kein auffälliger Schmuck, keine sichtbar teure Uhr auf der Strasse. Wertstücke bleiben zu Hause.
- Das Handy nicht beim Gehen benutzen, am Strand nicht offen hinlegen, in der Innentasche tragen.
- Nachts immer Uber oder 99 – nie zu Fuss, nie auf den Bus warten. Eine Kurzstrecke in Rio kostet meist 15–25 Reais (ca. 2,50–4,20 Euro, Stand April 2026).
- Bei roten Ampeln nachts zwischen 22 und 5 Uhr. Offiziell ist das eine Grauzone (CTB Art. 208 verbietet das Überfahren grundsätzlich), in der Praxis wird es in Rio zur Vermeidung von Überfällen geduldet. Wer einsam an einer Ampel steht, fährt vorsichtig weiter, wenn die Kreuzung frei ist.
- WhatsApp Live-Standort mit dem Partner oder mit einer Vertrauensperson teilen, wenn Sie abends unterwegs sind.
- Pass und Original-Dokumente nie mitnehmen – nur Kopien. Originale bleiben in der Wohnung oder im Safe.
Nach zwei Monaten ist das so selbstverständlich wie das Anschnallen im Auto.
Rio konkret: Welche Viertel funktionieren, welche nicht
Pauschale Aussagen helfen nicht. Hier die ehrliche Einordnung der Stadtteile, in denen sich unsere Kunden bewegen:
Barra da Tijuca – unser Wohnort
Modern geplant, viele Wohnanlagen mit 24-Stunden-Portier (auf Portugiesisch condomínios fechados), Einkaufszentren, internationale Schulen. Die sicherste Wahl für Familien und für alle, die einen ruhigen Alltag suchen. Wer hier in einer geschlossenen Wohnanlage lebt, hat einen Sicherheitsstandard, der einem Schweizer Vorort sehr nahekommt.
Ipanema und Leblon – der klassische Rio-Lifestyle
Tagsüber unproblematisch. Cafés, Strand, Spaziergänge – alles geht. Abends gilt: Posto 9 und die Hauptstrassen sind belebt und okay; je weiter weg vom Strand und je später die Stunde, desto eher Uber statt zu Fuss. Selina ist abends in Ipanema nicht zu Fuss unterwegs, auch nicht für drei Strassen.
Copacabana
Tagsüber okay, abends zurückhaltender. Die Strandpromenade vor den grossen Hotels ist meist belebt, die Querstrassen werden nach 22 Uhr leerer und unübersichtlicher. Hier gilt mehr als anderswo: nicht das einzige Restaurant um 23 Uhr verlassen und nicht zu Fuss zum nächsten Block schlendern.
Botafogo, Urca, Jardim Botânico
Etwas ruhiger, gute Restaurants, schöner Blick. Für viele unserer Kunden eine unterschätzte Option – mit besserem Preis-Leistungs-Verhältnis als Ipanema und einer entspannteren Atmosphäre.
Lapa
Das Nachtleben-Viertel. Mittwochs zur Samba-Nacht und freitags in Gruppen ein Erlebnis. Allein oder spät nachts ohne Plan – nein. Hier gilt strikt: in Gruppen kommen, in Gruppen gehen, Uber bestellen, bevor Sie aus der Bar treten.
Centro
Geschäftsviertel. Tagsüber funktional, nach 19 Uhr leeren sich die Strassen schlagartig. Wer dort abends zu tun hat, fährt direkt mit Uber zur Adresse und wieder weg. Nicht bummeln.
Favelas
Nicht aus Neugier hineingehen. Keine spontanen Touren, kein „ich schau mal“. Auswanderer haben dort ohne triftigen Grund nichts verloren.
Und ausserhalb Rios beginnt eine andere Welt: Búzios, Paraty, Florianópolis, Ilha Grande. Kleinstädte am Meer, in denen die Kriminalitätsstatistik mit deutschen Mittelstädten vergleichbar ist. Brasilien hat viele Gesichter – Rio ist nur eines davon.
Sie überlegen ein konkretes Viertel?
Wir kennen jedes der oben genannten Quartiere persönlich – inklusive Mietniveau, Schulen und Wohnanlagen, die wirklich funktionieren. In einem 30-Minuten-Erstgespräch sagen wir Ihnen unverblümt, was zu Ihrer Lebenssituation passt.
Was tun, wenn doch etwas passiert
Auch bei aller Vorsicht – ein gestohlenes Handy, ein verlorener Pass, ein Verkehrsunfall sind möglich. Was dann?
Die wichtigsten Notrufnummern
Auch wenn man sie hoffentlich nie braucht – ein paar Nummern, die jeder in Brasilien Lebende im Handy haben sollte:
- 190 – Polícia Militar (Polizei, akute Bedrohung)
- 192 – SAMU (Krankenwagen)
- 193 – Bombeiros (Feuerwehr und Erste Hilfe)
- 181 – Disque-Denúncia Rio (anonyme Hinweise zu Straftaten)
- 180 – Frauen-Notruf (häusliche Gewalt, Belästigung)
Anzeigen für nicht-akute Vorfälle (gestohlenes Handy, verlorener Pass) lassen sich in Rio bequem online erstatten über delegaciaonline.pcivil.rj.gov.br.
Bei einem Überfall
Niemals Widerstand leisten. Was verlangt wird, herausgeben – Handy, Bargeld, Uhr. Wertgegenstände sind ersetzbar, Sie sind es nicht. Nach dem Vorfall im nächsten sicheren Ort (Café, Hotel-Lobby, Polizeistation) zur Ruhe kommen und Anzeige erstatten (boletim de ocorrência). Diese benötigen Sie für Versicherung und Pass-Ersatz.
Pass weg
Lassen Sie sofort eine Anzeige aufnehmen oder erstellen Sie sie online. Dann das Schweizer beziehungsweise deutsche Konsulat in Rio kontaktieren – es gibt Notpässe, die innerhalb weniger Werktage ausgestellt werden. Solange im Hotel oder zu Hause bleiben.
Falsche Polizisten
Es kommt vor, dass sich Personen ausserhalb klar markierter Kontrollen als Polizisten ausgeben, um Bargeld oder Wertsachen zu fordern. Im Zweifel ruhig bleiben und höflich nach dem Dienstausweis (carteira funcional) fragen. Pass und Wertsachen nicht aus der Hand geben. Wer unsicher ist, telefoniert vor Ort mit dem Konsulat oder einer Vertrauensperson auf Lautsprecher – das beendet die meisten Versuche.
Unfall oder medizinischer Notfall
192 anrufen für SAMU. Wer privat krankenversichert ist (was wir allen unseren Kunden empfehlen), ruft idealerweise direkt das eigene Krankenhaus an. Die grossen Privatkliniken in Rio sind gut ausgestattet. Das öffentliche Notfallsystem ist dagegen stark überlastet.
Wie sich der Alltag für uns wirklich anfühlt
Die Kinder spielen draussen im Condomínio. Die ältere Tochter geht allein zur Schule – durch die Anlage, ein kurzer Weg. Für die brasilianischen Eltern im Viertel war das anfangs irritierend; dort wird jedes Kind gefahren. In der Schweiz lernen Kinder früh, den eigenen Schulweg zu gehen. Diesen Teil ihrer Erziehung behalten Selina und Nicola bewusst bei.
Selina geht abends mit Freundinnen aus, wir sitzen im Restaurant, wir gehen am Strand spazieren. Was sich gegenüber der Schweiz geändert hat: Wir nehmen abends grundsätzlich Uber, auch für drei Strassen. Wir benutzen das Handy nicht beim Gehen. Selina trägt keinen sichtbaren Schmuck. Sonst – ein normales, sehr angenehmes Leben.
Was Selina in fast zwei Jahren nicht erlebt hat: keine Schiesserei, keinen Überfall mit eigenen Augen, keinen Polizeieinsatz. Was in europäischen Medien wie ein dauerhafter Ausnahmezustand wirkt, ist in unserem Alltag schlicht nicht präsent.
Die eine Geschichte, die wir gerne erzählen
Selina wurde einmal an der Pedra do Sal das Handy gestohlen. Pedra do Sal ist ein bekannter Hotspot für Taschendiebstähle, sie hatte getrunken und nicht aufgepasst. Ehrlich? Der Verlust des Handys war ihr lieber als eine direkte Konfrontation mit jemandem, der möglicherweise bewaffnet gewesen wäre. Und Hand aufs Herz: Handys werden überall gestohlen. Selina ist das Gleiche schon in Italien, in der Schweiz und in Spanien passiert. Das ist keine Brasilien-Besonderheit, das ist Grossstadt-Alltag.
Unser Rat für die ersten Wochen
Sicherheit in Rio ist eine Gewohnheit, die man hier lernt. Was wir Neuankömmlingen sagen:
- Wochen 1–2: Wenig allein unterwegs. Lieber mit jemandem, der die Stadt kennt. Wir gehen mit unseren Kunden in den ersten Tagen bewusst Strecken ab – Supermarkt, Apotheke, Strand, Schule – und zeigen, wo Sie was zu welcher Tageszeit machen.
- Wochen 3–4: Sie wissen, was Sie anziehen, wo Sie Geld abheben, welche Strassen Sie nehmen. Erste Routinen.
- Nach drei Monaten: Sie bewegen sich wie ein Local. Ihre Antennen sind auf Rio kalibriert.
Wer sich an die Regeln hält, wird in Rio kein Opfer. Die Übergangszeit ist die kritischste – und genau für sie haben wir RioMove gegründet.
Übrigens: Bevor Sie überhaupt in die Sicherheitsfrage einsteigen, lohnt sich ein Blick auf die Voraussetzungen. Welches Visum für Ihre Lebenssituation passt, klären Sie in zwei Minuten in unserem Visum-Quiz. Und einen Überblick über den gesamten Auswanderungsprozess gibt unser Leitfaden in 7 Schritten.
Bevor Sie sich für ein Viertel entscheiden – sprechen wir.
Welches Quartier zu Ihrer Familie passt, welche Routinen Sie ab Tag 1 brauchen, wie sich der Alltag in Rio konkret organisiert – das klären wir in 30 Minuten. Ehrlich, ohne Verkaufsdruck, ohne Verpflichtung.
Quellen: Eigene Erfahrungen der RioMove-Gründer in Rio de Janeiro seit 2024. Kriminalstatistik: Instituto de Segurança Pública (ISP-RJ), BKA Polizeiliche Kriminalstatistik, Bundesamt für Statistik Schweiz. Notrufnummern: offizielle Auskunft Polícia Militar do Estado do Rio de Janeiro. PIX-Nachtlimit: Resolução BCB Nº 142/2021. Stand: April 2026.
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